Dessauer Fussball - Bericht Trend
Daniel Richter, 01.07.2009
Die Talfahrt des hiesigen Fußballs beschäftigt auch die Funktionäre des Kreisfachverbandes
Zukunft durch Spielgemeinschaft

KFV-Präsident Detlef Barth (links) beim angeregten Plausch mit seinem Spielausschussvorsitzenden Mario Pinkert.
DESSAU-ROSSLAU/MZ. Die Bilanz des gesamten Dessau-Roßlauer Männer-Fußballs der abgelaufenen Saison ist wenig berauschend. Dessau 05 muss nach der Insolvenz als Zwangsabsteiger in die Landesliga. Aus der Landesklasse müssen mit dem ESV Lok Dessau, Kreispokalsieger TuS Kochstedt und Dessau 05 II gleich drei Mannschaften auf einmal absteigen - ein Novum. Für positive Schlagzeilen sorgten einzig Germania Roßlau mit der Qualifikation für die zweigleisige Landesliga und Landesklassen-Herbstmeister TSV Mosigkau. Auch der souveräne Durchmarsch von Kreismeister Vorwärts Dessau ist erwähnenswert. Trotzdem: War die Sportstadt Dessau einst in der vierten Liga vertreten, ist sie bei der beliebtesten Sportart der Deutschen nur noch siebentklassig. Frank Harnack sprach darüber mit Detlef Barth, dem Präsidenten des Kreisfachverbandes Fußball Anhalt, und dem Spielausschussvorsitzenden Mario Pinkert.
Ist der Dessau-Roßlauer Fußball wirklich so schlecht und nicht mehr besser als siebentklassig?
Pinkert: Nein, eigentlich nicht. Wir haben eine gute Nachwuchsarbeit, was man schon allein daran sieht, wie viele ehemalige Dessauer mittlerweile in Piesteritz, Wolfen oder Magdeburg spielen.
Barth: Das ist richtig. Wir hatten hier, angefangen von Vorwärts Dessau über den FC Anhalt bis hin zu Dessau 05 ,immer eine Top-Nachwuchsarbeit. Das Potenzial ist also eigentlich da. Die Frage für mich deshalb, warum es bei vielen dieser Spieler im Männerbereich nicht voran geht.
Fehlt es im Männerbereich an qualifizierten Trainern?
Barth: Nicht bei den Spitzenteams, aber vielleicht in der Gesamtheit, auch beim Nachwuchs. Die Vereine haben immer nur für den kurzfristigen Erfolg gelebt und alles andere darüber vergessen. Man hat den jungen Spielern keine Perspektiven aufgezeigt, siehe Dessau 05 und FC Anhalt, die vor allem in ihren Oberligazeiten immer viel von den Spielern von außen gelebt haben.
Pinkert: Wir hatten beispielsweise den Vereinen das Angebot gemacht, die wenigen noch vorhandenen A-Jugend-Teams als U 19 im Kreis gegen die Männer spielen zu lassen. Das funktioniert anderswo auch. Es gab kein Interesse. Stattdessen ging dann solch eine Mannschaft wie die A-Jugend von Germania Roßlau in der Nachwuchs-Verbandsliga unter.
Was wäre der Effekt für solch eine U 19-Mannschaft?
Pinkert: Ein geregelter Spielbetrieb mit 34 Partien.
Warum gehen die Vereine auf solche Angebote nicht ein?
Barth: Ich weiß es nicht, ich kann da nur vermuten. Es ist ein Problem vom Kopf her, dass man eben 16-Jährige gegen 30-Jährige antreten lässt.
Pinkert: Es liegt oft auch am Eigensinn. Viele Vereine denken sich, was sie auf dem Teller haben, davon gebe ich nichts ab. Dass davon aber mehrere satt werden können, sehen sie nicht.
Mimen die Vereine zu sehr den Einzelkämpfer?
Barth: Es ist eher die mangelnde Weitsicht. Wer gibt als Verein schon zu, Hilfe nötig zu haben? Es gibt viele Vereine, die zusammen mehr erreichen würden als allein.
Pinkert: Das gilt zum Beispiel die Vereine im Wörlitzer Winkel. Wenn die eine Spielgemeinschaft gebildet hätten, wären alle Klassen besetzt gewesen.
Damit sind wir beim Thema Fusionen gelandet, was in jüngster Zeit immer öfter diskutiert und angeregt wird. Wären Fusionen eine Möglichkeit, den Fußball in Dessau-Roßlau wieder nach oben zu bringen?
Barth: Um die Leistungsstärke zu erhöhen, ja. Das Problem dabei ist aber, dass man den Gesamtverein und nicht nur den Fußball sehen muss. Deshalb liegt für mich die Zukunft eher bei der Bildung von Spielgemeinschaften.
Pinkert: Man muss dabei auch unkonventionelle Wege gehen können.
Barth: Im Nachwuchs klappt das ja auch mit den Spielgemeinschaften, warum damit dann im Männerbereich Schluss ist, bleibt rätselhaft.
Germania Roßlau und Dessau 05 schicken am 12. Juli eine gemeinsame Mannschaft gegen den Deutschen Meister VfL Wolfsburg auf den Rasen. Ist das ein erster Schritt hin zu einer Fusion?
Barth: Das kann ich mir so nicht vorstellen. Es ist leicht dahin gesagt. Es wird doch aber keiner bereit sein, auf 100 Jahre Geschichte zu verzichten. Man finge bei Null an. Ob dazu alle Mitglieder bereit wären? Vielleicht sollte man erst einmal im Nachwuchs mit der Kräftebündelung bei A- und B-Junioren anfangen. Grundsätzlich haben es andere Vereine im Kreis nötiger als die beiden.
Es gibt aber auch das Modell vom Verein im Verein, da müsste keiner bei Null anfangen.
Barth: Langfristig gelingt eine Fusion nur, wenn das Spielermaterial höherklassigen Anforderungen gerecht wird und auch die Sponsoren sich einig sind. Ich persönlich glaube nicht, dass in Dessau-Roßlau mehr als Oberliga-Fußball möglich ist.
Kommen wir noch einmal auf die grundsätzlichen Ursachen des Niedergangs des Dessauer Fußballs zurück. Wo könnten die Ihrer Meinung nach noch liegen?
Barth: Ein weiteres Problem ist definitiv die unseriöse Politik in einigen Vereinsführungen. Man kann nicht mehr Geld ausgeben, als man hat. Die Finanzen in der Region sind knapp. Auch hier könnten durch Bildung von Spielgemeinschaften die Kräfte der Sponsoren gebündelt werden.
Den vielen Negativentwicklungen bei Mannschaften und Vereinen steht mit dem Aufschwung von Vorwärts Dessau ein positives Beispiel gegenüber. Drei Aufstiege in vier Jahren - ist Vorwärts der neue Dessauer Hoffnungsträger?
Barth: Im Moment nicht, obwohl es eine sehr gute Entwicklung ist. Vorwärts müsste dann künftig bei der Qualität entscheidend zulegen, und das kostet wiederum Geld. Ich traue der Truppe zu, dass sie problemlos die Landesklasse hält. Bisher hatte man dort das Glück, dass aus der Vorwärts-Tradition heraus viele junge Spieler kamen und an die Seite von erfahrenen Akteuren gestellt wurden.
Pinkert: Als Hoffnungsträger sehe ich Vorwärts nicht. Ich wünsche dem Verein, dass er in der Landesklasse Bestand hat. Das ist für mich aber abhängig davon, ob noch Spieler dazu kommen. Was dem Verein fehlt, ist der Unterbau durch den Nachwuchs.
Neben den negativen sportlichen Entwicklungen scheint auch das Interesse der Zuschauer weiter abzunehmen. Gerade bei Dessau 05 in der Verbandsliga wurde das auf krasse Weise deutlich.
Barth: Wir nehmen uns die Zuschauer doch selbst weg, da alle Vereine sonnabends spielen. Dadurch konnte doch kaum einer der aktiven Fußballer zu den Spielen gehen.
Pinkert: Früher gab es immer Vorbehalte gegen Sonntagspiele, jetzt reißen die Anfragen nicht ab. Für Vereine wie Blau-Weiß oder Kochstedt ist das schon eine wirtschaftliche Frage.
Es fehlt aber trotzdem eine Fanbasis. Ist der Dessauer Fußball zu langweilig geworden?
Barth: Das sehe ich nicht so. Es gab in den Vereinen zu wenige Angebote für eine passive Mitgliedschaft. Dadurch ging eine Basis verloren.
Pinkert: Die demographische Entwicklung in Dessau-Roßlau ist zu extrem. Es fehlen einfach die Leute auch von der Anzahl her.
Quelle:MZ
