Vatikan-Projekt ist gescheitert
PR Team, 08.04.2015
Vatikan-Projekt ist gescheitert
FUSSBALL Wittenberg nimmt Einladung nach Rom nicht an. Wer beichtet die Absage?
VON MICHAEL HÜBNER
WITTENBERG/MZ- Dietmar Röder ist hörbar angefressen: "Ich bin sauer!" Der Unternehmer hat viel Zeit und Kraft investiert, um eine besondere Reise nach Rom zu organisieren. "Die Ewige Stadt mit den vielen prächtigen Plätzen und Palästen ist eine traumhafte Kulisse für das Fußballspiel einer Auswahl der Lutherstadt und des Vatikans. Die Reise hat aber noch mehr zu bieten", heißt es auf der Homepage des Tourismus-Experten.
Und im Internet kommt schon beim Lesen Urlaubsfeeling auf. Beeindruckende Landschaften am Gardasee werden ebenso angepriesen wie eine Stadtführung durch das christliche Rom oder der Besuch des Kolosseums - die Details stehen fest für sieben interessante Tage.
"Alles ist organisiert bis hin zur Platzmiete fürs Training", so Röder. Doch daraus werde alles nichts. Nach seinen Angaben ist das Projekt an einer Winzigkeit gescheitert: Es fehle die Wittenberger Auswahl, die die sportliche Herausforderung annehme. "In der Kürze war das nicht machbar", sagt Stephan Arnold. Der Geschäftsführer des Kreissportbundes nimmt an der wohl letzten Sitzung der Organisatoren teil und ist sich sicher: "Der Termin wird verschoben."
Roß wirft das Handtuch
Werner Roß sieht das anders. Der Sportmoderator hat seit drei Jahren im Hintergrund die Fäden geknüpft und dabei durchaus erfolgreich operiert. Auch die Stadträte signalisieren Unterstützung. Wittenbergs Oberbürgermeister Eckhard Naumann (SPD) erhält die offizielle Einladung aus dem Vatikan für den 4. Juli. Das Stadtoberhaupt ist sehr angetan. "Der Sport und insbesondere der Fußball vereinen Menschen aller Kulturen und Konfessionen aus aller Welt. Diese Art der sportlichen und ökumenischen Bewegung soll Menschen begeistern, einander näher bringen und wäre mit Sicherheit ein gutes Symbol mit einer großen Ausstrahlungskraft", so der Verwaltungschef. Im Gespräch ist auch ein Rückspiel 2017 zum Reformationsjubiläum im Piesteritzer Volkspark. Das Wittenberger Kicker in Rom antreten, scheint offiziell fest zustehen.
Danach wird es merkwürdig. Bei einem Vorbereitungstreffen auf das Event Ende Februar ist die Presse ausdrücklich nicht erwünscht. "Später wurden uns auch keine Räume mehr zur Verfügung gestellt", berichtet Roß. Das freilich sei keine Hürde: "Der Kreissportbund half uns", so Roß, für den das Geld nicht das größte Problem gewesen sei. "Ich wollte auf Sponsorensuche gehen", berichtet er. Sein Wunsch: ein amtliches Schreiben, dass die Stadt das Vorhaben unterstütze. "Das habe ich nicht erhalten", so Roß, für den das Thema Vatikan damit genau wie für Röder erledigt ist.
Dabei ist die Idee gut. "Wir dürfen als Lutheraner nicht im eigenen Saft schmoren", hoffte einst der Sportmoderator auf das Verbindende mit den Katholiken. Auch im Jahr des Reformationsjubiläums müsse es "außer Luther, Luther, Luther" noch etwas anderes geben.
Fußball und Luther können tatsächlich perfekt funktionieren. Das haben Felix Magath - der Mann wurde als Trainer der Wittenberger Auswahl hoch gehandelt - und Bernhard Naumann als Luther-Darsteller eindrucksvoll bewiesen. Der Reformator und die Stadtwache zeigten dem Trainer die wichtigsten historische Stätten Wittenbergs und das in der gewohnt brillanten Form mit mehr als nur einer Prise Humor. Dabei entwickelte sich zwischen den beiden Männern ein pointenreicher Talk über die angeblich schönste Nebensache der Welt und das mit dem Wortschatz des Mittelalters. Die Wörter Fußball oder Übungsleiter fielen nicht. Luther wollte wissen, womit sein Gast "seine Gulden" verdiene, um sich so eine weite Reise leisten zu können. "Ich schaue zu, wie sich andere auf einem grünen Feld bewegen", sagte Magath. Und Luther, der seine Neugier nur schwer verbergen konnte, entlockte dem Vizeweltmeister dann noch, dass Magath selbst für den Ablauf "dieser Bewegungen" verantwortlich sei. Der Reformator erwies sich als erbarmungsloser Interviewer und hakte nach: "Und bewegen die sich so, wie du das willst?"
Sorgen eines Vize-Weltmeisters
"Manchmal ja, meistens aber nicht", plauderte der Coach über seine Alltags-Sorgen. Nach dem Austausch von Weisheiten - "Das Runde muss in das Eckige" - erkannte Luther, dass sein Gesprächspartner seine Gulden "redlich verdiene", schließlich gebe es viele Probleme zu lösen.
Und die Stadtoberen stehen jetzt aktuell vor der Frage: Wer beichtet dem Vatikan die Absage? Torsten Zugehör will dies definitiv nicht tun. Er sei vom Stand der Dinge überrascht, sagt er am Dienstag.
Stadt zahlt nicht alles
Die Vorwürfe von Werner Roß in Richtung Stadt weist der Bürgermeister aber mit aller Entschiedenheit zurück. "Wir haben uns mit dem Thema intensiv befasst und unterstützen die Idee. Unterstützen heißt aber nicht, dass wir voran gehen", so Zugehör. Der künftige Oberbürgermeister wird dann sehr deutlich. Wer glaube, er könne sich ein paar schöne Tage in Italien machen und "die Stadt bezahlt das alles", der irre.
"Wir wollten ein Konzept sehen, in dem die Kosten und die Leistungen der Sponsoren detailliert aufgelistet sind", erklärt Zugehör gegenüber der MZ. Ein solches Papier liege im Wittenberger Rathaus eben bisher nicht vor.
KIRCHE
Geistliche spielen nach eigenen Regeln
Auch im Vatikangeht es nicht nur um göttlichen Fußball, sondern die Kicker sollen sich als echte Himmelsstürmer erweisen. Die National-Elf, nicht Mitglied bei Fifa oder Uefa, schaffte schon mal gegen San Marino ein 0:0 im Länderspiel. Dabei spielt der Vatikan nach eigenen Regeln - auch im Fußball. Nur für eine Stunde gehen die Gebetsbrüder auf Torejagd: zweimal 30 Minuten. So können ältere Geistliche besser mitkicken. Pro Halbzeit darf jedes Team eine Auszeit nehmen und zwei Minuten verschnaufen. Zusätzlich zu den Gelben und Roten Karten kann der Schiedsrichter auch Blaue Karten zücken. Sie verbannen einen Spieler bei schweren Regelverstößen für fünf Minuten an den Spielfeldrand. 2017 sollte die Partie im Piesteritzer Volkspark nach Gesetzen des Vatikans ausgetragen werden, im Hinspiel in Italien dagegen waren die internationalen Regeln vereinbart. Der Vatikan hat schon erfolgreich gegen deutsche Klubs gespielt - Borussia Mönchengladbach und St. Pauli.
"Unterstützen heißt aber nicht, dass wir voran gehen."
Torsten Zugehör
Bürgermeister
Quelle:MZ
